Die RTL-Erfolgsserie „Alarm für Cobra 11 – die Autobahnpolizei“ ist eine feuriges Crashfestival. Seit elf Jahren stellt Hauptkommissar Semir Gerkhan jeden Bösewicht mit seinem BMW.

Aldenhofen


Frau Waldner hat ein brisantes Video in der Handtasche und deshalb gerade ein Problem. Ein maskierter Schurke im Geländewagen will sie in die Leitplanke drängen. Also reißt Frau Waldner das Steuer ihres Kleinwagens bei Tempo 100 nach rechts, um über den Autobahnparkplatz zu entkommen. Sekunden später bohrt sich ihr Wagen mit einer sehenswerten Schraube durch die Luft. Grasbüschel fliegen. Metall ächzt. Glas splittert. „Ein schönes Bild“, freut sich Ramazan Bulut, der irgendwann heute Nachmittag im silbernen BMW 330i die Verfolgung des Bösewichts aufnehmen wird. Woraufhin Bildbearbeiter Boris T. Schmidt ruft, dass man die Bretter der Sprungrampe sehen konnte. „Aber da kann ich am Computer noch ein Stück Wiese davor zaubern. Von mir aus auch den Eifelturm. Geht alles ruckizucki“, sagt er.

Es ist kurz vor zwölf Uhr mittags auf der „Film + Test Location“ in Aldenhoven. Eine Verfolgungsjagd, zwei Schrottautos, ein paar Flammen und viel Qualm hat das achtzigköpfige Team der Crash-Fabrik „Action Concept“ seit Sonnenaufgang schon produziert. Am Ende des Tages sollen es insgesamt 2:35 Minuten für Episode 167 von „Alarm für Cobra 11 - die Autobahnpolizei“ sein. Es geht um Medikamentenhandel, Menschenversuche und das heimlich aufgezeichnete Video von Frau Waldner. Eigentlich. Denn viel mehr geht es natürlich darum, die Story mit möglichst eindrucksvollen Feuerpilzen, Krawumm und Blechschäden zu garnieren. Armumdrehen? Mit den Handschellen rasseln? Langweilig. Spektakuläre Stunts haben die RTL-Serie zu einer der erfolgreichsten der Welt gemacht. Irgendwo steht immer ein hoch explosives Fass im Weg, detoniert eine Sprengladung, bricht eine Gasleitung, zerschellt ein Auto, verglüht ein Helikopter. Hauptsache es knallt, rummst, fackelt und der Böse ist nach 45 Sendeminuten hinter Gittern. Und wenn es der Spannung dient, wird selbst ein harmloser Auffahrunfall mit geballter Pyrotechnik zu einem „schönen Bild“ aufgepeppt. Gedreht wird auf einem immer gleichen, künstlich erschaffenen Autobahnkilometer, der erst am Computer mit Raststätten, Brücken und den gewünschten Landschaften garniert wird. Der Serienheld heißt Semir Gerkhan und fährt BMW. Zoomt die Kamera auf sein Gesicht, wird der Kommissar von Schauspieler Erdogan Atalay (40) gemimt, sonst von seinem Stuntdouble Ramazan Bulut.


Die nächste Sequenz ist eine so genannte Totale. Bulut hat sich hinter das Lenkrad des silbernen 330i gesetzt und wartet auf das Kommando. Gleich wird er mit Blaulicht den Unfallort erreichen. Selbstverständlich quer im Drift. Doch der Regiemann grübelt noch, ob er „Kamera 2“ vielleicht doch lieber im „Action-Modus“ laufen lassen soll, also leicht verzittert. Dreharbeit bedeutet Warten. Bulut weiß das. Vor zehn Jahren hat er sich bei „Cobra 11“ als Laufbursche beworben. Weil das Double von Atalay an jenem Tag schwänzte, bekam er den Job. Eine gewisse Ähnlichkeit war da, das typische Gerkhan-Bärtchen nur eine Frage der Rasur. Seit dem trainiert Bulut mehrmals pro Woche, um den BMW des TV-Kommissars auch bei haarigen Stunts unter Kontrolle zu behalten. Kamera 2 soll zittern, hat die Regie entschieden. Sieht dramatischer aus. Also! „Alle auf stand by!“, spricht der Stunt-Koordinator in sein Funkgerät. Die Komparsen für den „Rahmenverkehr“ schlingen eilig ihre Pausenbrote herunter. Die Rettungsleute im Gebüsch werfen sich Tarndecken über die Köpfe. Bulut dehnt ein letztes Mal die Nackenmuskeln. „Und Action!“ Der BMW rast auf den Parkplatz, verliert auf dem Glasscher-ben-Teppich kurzzeitig an Haftung und schlingert um den bedrohlich qualmenden Seat von Frau Waldner. Sequenz im Kasten. Schönes Bild. Noch zwei Einstellungen, dann soll laut Drehplan die „Explo“ kommen. Löschzug und Krankenwagen rangieren bereits in Position. Doch bis sich am Parkplatz der Rauch auflöst, wird es noch ein bisschen dauern.

„Ich glaube die Frau im Wagen schreit jetzt ein bisschen und fängt Feuer. Da werde ich nicht gebraucht“, sagt Bulut mit Blick in den Ablaufplan. Er will den Leerlauf nutzen und mit Atalay ein paar Auto-Stunts üben. Die Verabredung erfolgt per Walkie-Talkie. Mit Vollgas kommt der Original-Held in einem silbernen BMW Z4 3.0 Coupé von der „Base“ aus über die Gegenspur geprescht, radiert am Ende der Filmautobahn einen schwarzen Halbkreis auf den Asphalt und steigt bestens gelaunt aus. Da steht er also, der Schrecken der Unterwelt. Nicht besonders groß, aber mit gestählten Muskeln und entschlossenem Blick. Seit Atalay die Rolle des Semir Gerkhan spielt, gehört Stunt-Training für ihn zum Alltag. Auch wenn er sich selbst selten in den Gefahrenradius begibt. „Ich bin Schauspieler, kein Stuntman. Es macht keinen Sinn meine Gesundheit für eine Szene zu riskieren, in der ich nicht zu sehen bin“, erklärt er. Sein erster Stunt löse bei ihm heute noch Übelkeit aus: Eine Motorhaube, darauf zwei Schuhe geschraubt, darin er, bei hundert Sachen auf der Autobahn. „Der Stuntman macht den Schauspieler zum Helden“, sagt Atalay, während irgendwo hinter ihm der Rauchpilz einer Verpuffung in den Frühlingshimmel steigt. Dann lässt Atalay, der nach eigenen Angaben nichts so hasst wie aggressive Autofahrer, die Reifen quietschen. Das Z4 Coupé soll in einer der nächsten Folgen eingesetzt werden. „Ein Guter wird ihn bekommen. Die Bösen fahren nie BMW“, verrät Volkmar Balensiefer, Betreiber der Filmautobahn und Sprecher von Action Concept.

Es ist später Nachmittag. Der Kleinwagen hat sich mit einem gewaltigen Wumms endgültig in einen schwarzen Klumpen aus Eisen und Kunststoff verwandelt. Das Drehbuch sieht keine weiteren Szenen mit Frau Waldner vor. Der Schurke allerdings ist noch immer auf freiem Fuß. Panisch sieht der Maskenmann im Rückspiegel die Polizei im BMW näher kommen, drückt das Gaspedal aufs Bodenblech und versucht auf einen Berg zu flüchten. Steine spritzen. Staub verhüllt die Sicht. Der 330i bleibt dran. Zehn Meter höher zerschneiden die Rotorblätter eines Helikopters die Luft. Gleich nimmt der Geländewagen den direkten Weg in den Abgrund. „Ein schönes Bild“, wird Ramasan Bulut dann wieder sagen.


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