Das Prinzip Zufall sollte den Beweis erbringen: Biken geht überall. Wirklich? Ein Dart-Pfeil führte Reporter Henri Lesewitz nach Greene. Zurück kehrte er mit einem Friseur-Gutschein.


Aus dem Radio rieseln überzuckerte Christmas-Hits in den Samstag, der trübe und halbwach über der Reihenhaussiedlung hängt. Tupper-Boxen halten Aufschnittware bereit. In der Küche röchelt die Kaffeemaschine. In den Fenstern müht sich strombetriebene Advents-Deko um möglichst rigorose Alltagsausblendung. Die Folge einer zielgruppenorientierten Vormittagsserie könnte so beginnen. Oder ein Margarine-Werbespot. Doch das hier ist weder das Eine, noch das Andere, sondern der Start in ein tollkühnes Mountainbike- Abenteuer. Durchbeißen, entdecken, erleben. Hoffe ich zumindest. Denn im Moment habe ich noch mehr mit übertriebener Verhätschelung zu kämpfen, als mit Wetter, Untergrund und Höhe. „Noch Gehacktes?“, fragt Andre und hält mir schon wieder die gefüllte Frischhaltedose entgegen.

Der Moment ist surreal. Einerseits vertraut. Andererseits fremd. Ich sitze wie selbstverständlich in einem Haus, in dem ich garantiert noch nie gewesen bin, in einem Ort, an dessen Erwähnung in Heimatkunde-Zusammenhängen ich mich nicht erinnern kann, mit einem Menschen, den ich nicht kenne. Zumindest beim letzten Punkt geht es meinem Gegenüber Andre genauso. Und wahrscheinlich wäre das für alle Zeiten auch so geblieben, hätte ich auf der Zielgeraden des Kalenderjahres nicht noch einmal Reiselaune bekommen. Doch wohin, wenn das Zeit-Budget auf das Wochenende begrenzt ist und in den Alpen die Schneekettenpflicht ausgerufen wird? Ein Dart-Pfeil soll die Richtung weisen und unentschlossenem Abwiegeln entgegenwirken. Kennt man ja, dieses nie enden wollende Gegenrechnen von Pro- und Contra-Argumenten, in dessen Verlauf man sich schließlich irgendwann zu ausgelaugt zum Reisen fühlt. Dann bleibt man zu Hause und redet die Dinge schön, die einen ursprünglich zur Urlaubsplanung bewogen haben. Monothematische Routen-Führung nämlich, oder eingeschlafener Entdeckergeist. Ein Pfeil findet sich im Nachbarbüro, eine Karte in der Reiseredaktion, ein neutraler Werfer mit der sechsjährigen Tochter einer Kollegin, zufällig zu Besuch. Zack und Plop! Der Pfeil steckt in Greene, Niedersachsen. Kurzes Schlucken, vorwurfsvoller Blick zur Erstklässlerin. Vielleicht soll ich sie noch mal werfen lassen? GREENE!!! Klingt wie eine Kurzform von „Migräne“. Provinz, garantiert. Dung, landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge und Kittelschürzen-Mode (100 Prozent Polyester, mit praktischem Wäscheklammerfach!). Vielleicht rennt mich ein Kamera-Team von „Bauer sucht Frau“ über den Haufen, oder ich muss in einer Scheune schlafen. Gut so! Mountainbiken braucht topographische Höhepunkte, biken geht überall. Abenteuer sind nicht planbar, darum geht es. Also los. Nach Greene. Zunächst virtuell. Google weiß Bescheid: „Scheunenbrand im Nachbarort Kreiensen – Tanklöschfahrzeug TLF 16/24 innerhalb weniger Minuten am Einsatzort!“ Und: „Wasserpegel: 4,40 Meter, Tendenz fallend!“ Von Biken ist keine Rede. Einbeck dagegen scheint auf diesem Sektor einiges in petto zu haben. Der Ort ist nur elf Kilometer entfernt. Dort wohnt Andre, der mit Nachnamen Gehl heißt und ehrenamtlich als Vorsitzender des „Downhill-, Dual-, Mountainbike-Clubs Solling e. V.“ fungiert. „Käffchen noch?“, fragt er und schwenkt anpreisend die Tupper-Kanne. Dann geht er telefonieren – „ein paar People für die Tour organisieren.“ Das Abenteuer Deutschland hat begonnen.


Andre ist das, was man einen „Biker der ersten Stunde“ nennt. Früher fuhr er Cross- Country-Rennen, später Downhill. Dieses Jahr allerdings blieb neben Sparkassen-Job, Papa-Pflichten und einem Hauskauf kaum Zeit fürs Hobby. „Ich bin vielleicht dreimal gefahren“, seufzt er. Dann führt er stolz durchs neue Heim („Nicht so genau hinschauen, die Fußbodenleisten fehlen noch.“), runter in den liebevoll eingerichteten Radkeller („Der war Bedingung, das hab ich meiner Frau gleich gesagt.“), raus in den Garten („Der Doug von ,King of Queens‘ hat denselben Grill.“). Kühl ist es draußen, kühl und eklig. Andre legt den Kopf in den Nacken, die Stirn in Sorgenfalten. „Hoffentlich hält das Wetter“, sagt er und schiebt hinterher: „Die Umgebung hier ist zwar kein Mountainbike-Mekka wie der Gardasee, aber wirklich schön zum Biken.“ Wenig später rollen wir los. Die meteorologischen Rahmenbedingungen scheinen ausreichend.

Treffpunkt ist der Rad-Shop „City Bike“, der allwöchentlich zum „Mountainbiken über Stock und Stein“ einlädt, wie ein Schild am Eingang informiert. Die Jungs, die davor nur auf uns zu warten scheinen, sehen allerdings nicht so aus, als würden sie nur den Stöcken und Steinen wegen in die Pedale klicken. Die Klamotten sind eng anliegend, die Bikes nach dem Carbon-Anteil ausgesucht. Zeigefinger scrollen durch Pulsmesser-Menüs. Einzig ein Typ namens Kevin, dessen Kopf in einer Vollvisier-Kugel steckt, scheint ambitionslos. „Ihr könnt ja die Berge hochpressen. Ich komme mit Andre dann zwanzig Minuten später“, lacht Kevin, während er am Zugstufen-Knopf seines Downhill-Monsters die ideale Position sucht. Es ist die Besonderheit des „DDMC Solling“, dass Fahrer aller Fraktionen zusammen auf Tour gehen. Der Verein organisiert sogar zwei Läufe einer Mehrkampf-Prüfung namens „Challenge for Mountainbike“. Die Rennserie besteht aus Dual-, Downhill-, Cross-Country- und Marathon-Events und läuft das ganze Jahr. Der beste Allrounder gewinnt. „Ein hammerhartes Ding, vor allem das CC-Rennen in Detmold“, weiß Bernd Forderung, ein über Brustgurt mit Datenaufzeichnern verbundener Ausdauer-Junkie, der seine Lieblingsdisziplin Cross Country zackig mit „Zehzeh“ abkürzt. Bernd hebt den Arm. Abfahrt.

Wir kurbeln zunächst hoch zur „Hube“, einer sanften Kuppe, auf der wir das Ortsausgangsschild von Einbeck passieren. Offenbar ein wichtiger Meilenstein zur Klärung der hierarchischen Verhältnisse. Wobei es wichtig scheint, den äußeren Anschein einer Qigong- Einheit zu wahren. Alle bleiben sitzen und gucken bemüht unbemüht, obwohl die Gruppe augenblicklich auseinandersplittert. „Bergwertung, obligatorisch“, keucht Bernd. Ich kann nur nicken. Zum Sprechen ist die Sauerstoffschuld bereits zu hoch. Oben auf einem Parkplatz warten wir auf die Fully-Fahrer. Während alle versuchen die Atmung möglichst unauffällig zu stabilisieren – was so ungefiltert natürlich nie einer zugeben würde – versucht ein Opi ein Gespräch in Gang zu bringen. Es ist Herr Huhn, wie sich der Wandersmann vorstellt, angeblich der ehemalige Niedersächsische Bergmeister („Vierunddreißig Minuten und soundsoviel Sekunden, hoch zum Torfhaus, damals in den Fuffzigern!“). Dass er hier ein paar verschlammte Mountainbiker trifft, lässt ihn in nostalgische Verzückung geraten. „Damals nach dem Krieg sind wir auch schon durch den Wald gefahren. Wie hieß das noch gleich? Ach ja: Querfeldein!“ Dann kommen die anderen. Weiter geht die Fahrt. Rüber zur schwarzen Hütte, die eher braun ist, runter zur Burg Greene, wo ein paar Schafe adrenalinleer an der Wiese knabbern, hoch zum Altendorfer Berg, der die Pulsmesser zum Piepen bringt (O-Ton Torben: „173, grüner Bereich!“), weiter durch den Nordic Walking Park Einbeck und schließlich zurück zur Stadt selbst. Ein Bier in einem zum Party-Raum umfunktionierten Wachturm mit originalem Folterkeller rundet die Tour durch die idyllische Hügellandschaft ab. „Die haben den Gefangenen hier die Füße mit Honig eingeschmiert und dann die Bienen rangelassen. Da haben die Sohlen gebrannt!“, kitzelt Wirt Günter die Nerven. Unsere Sohlen sind nur schlammverkrustet. Zweifellos: ein grandioser Tag.


Am nächsten Morgen: Mit dem Auto geht es durch propere Bausparer-Paradiese Richtung Westen. Andre hat ein ganz besonderes Highlight versprochen. Der Solling Funpark in Merxhausen ist der große Stolz des DDMC Solling. Auf den ersten Blick nur ein Wiesenhang mit einem camouflage-farbenen Wohnwagen davor. Auf den zweiten Blick jedoch eine feine Downhill-Achterbahn mit Sprüngen, Anliegern und allem Pipapo. Als hier 2004 das Finale der Dual-DM ausgetragen wurde, standen 350 Namen auf der Starterliste. Der Hang gehört Landschaftsgärtner Hartmut Kumlehn, der es bei „Wetten, dass ...?“ einmal zu kurzer Berühmtheit schaffte, weil er einen Polo samt Insassen im Einbecker Schwimmbad versenkte, um das Fahrzeug dann zurück an die Oberfläche zu atmen. Kumlehn ist Idealist. Einer, der sich um den Nachwuchs kümmert. Einer, dem die Region am Herzen liegt. Der große Traum von Kumlehn ist es, den Park zu einer Mountainbike-Attraktion herauszuputzen. Mit Lift und vielfältigem Streckenangebot. „Ich würde mir mehr Unterstützung durch die Gemeinden wünschen“, sagt Hartmut und flambiert einen Double – wie beim traditionellen Osterfeuer-Downhill. Während die anwesende Kernzielgruppe durch die Feuersbrunst schneidet, rolle ich mit meinem Hardtail die Strecke runter, vorsichtig, sehr vorsichtig. Die Zeit scheint zu rasen. Es ist Sonntagnachmittag und das Überraschungs- Wochenende schon wieder fast vorbei. Dabei würde der Naturpark Solling mit seinem 760 Kilometer langen Routen-Netz noch so einiges bieten. Auf dem Weihnachtsmarkt in Hellental, wo sich der DDMC mit einer Tombola präsentiert, kaufe ich vier Lose und gewinne einen Friseur-Gutschein des „Salon Freestyle“. Dumm nur, dass es bei mir nicht viel zu frisieren gibt. Und so was nennt sich nun Glück. Aber vielleicht können die mir im April vor dem Hellentaler Marathon ja die Beine rasieren – zum Saisonauftakt des DDMC. Zufrieden trete ich die Heimreise an. Aus dem Autoradio rieseln überzuckerte Christmas-Hits. Die Folge einer zielgruppenorientierten Vormittagsserie könnte so enden. Oder ein Margarine-Werbespot.

Bilder: Oliver Soulas


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