Um den Einsatz in Flüchtlingsgebieten zu trainieren, lässt ein spanisches Bataillon Mountainbiker zum Militär-Manöver antreten.

Afghanistan sei die Hölle. Und die Hölle lasse sich nun einmal nicht am Computer simulieren. Nicht so gut jedenfalls, wie mit ein paar Startnummern. Breitbeinig, die Knie durchgedrückt, lauscht General Mateo Castaneyra seinen Worten hinterher. Die Augen schauen streng in den blauen Morgenhimmel über Fuerteventura, der gerade von zwei F-18-Kampfjets durchschnitten wird. Links und rechts donnern Militär-Jeeps vorbei. Weiter hinten paddeln die Rotoren eines Helikopters startbereit durch die Luft. Im Urlaubsort Corralejo, dem Insel-Zentrum des pauschal gebuchten Nichtstuns, ist ein solch geballtes Aufgebot nicht alltäglich. Seit zwei Tagen wartet das 500 Mann starke Bataillon „Soria 9“ auf den Einsatzbefehl, an hunderten Punkten, überall auf der Insel. Sie warten auf die Biker. General Mateo Castaneyra ist der oberste Befehlshaber der spanischen Streitkräfte auf den Kanaren. Ein Mann mit sparsamer Mimik, bei dessen Erscheinen Schuhhacken aneinanderknallen und Arme salutierend nach oben schnellen. Ein Sport-Fanatiker, der Biken als Bereicherung des Truppen-Trainings einführte und aus den bestrittenen Einheiten die Erkenntnis gezogen hat, dass „... der Mountainbike-Sport interessante militärische und taktische Komponenten beinhaltet.“ Die körperliche Härte, die Tücken im Gelände, die Überwindung von Tiefpunkten – alles sei militärisch relevant. Als bei einem Manöver im vergangenen Jahr der humanitäre Einsatz in Afghanistan geübt werden sollte, ließ der General Mountainbiker über die Insel hetzen. „Das war für uns die perfekte Möglichkeit, die Hilfe von Flüchtlingen unter realen Bedingungen zu trainieren“, blickt der General auf die Manöver-Premiere zurück. Colonel José Fernando Buigues, der für die Umsetzung der „Operation Marathon“ zuständig ist und sich trotz aufgereihten Bruststernen etwas weniger Körperspannung gönnt, formuliert es noch griffiger. „In Krisengebieten wie Afghanistan kommen die Flüchtlinge auf Karren, mit Eseln, zu Fuß. Durstig, ausgehungert, erschöpft. Hier kommen sie eben auf Mountainbikes, das Verhalten ist im Grunde genommen ähnlich.“ Buigues meint das ernst. Ein Marathon als Militärmanöver. Müsli-Riegel statt Patronen, Feldküche statt Panzer. Nun also zum zweiten Mal. Ein ganzes Bataillon, nur dazu da, um zweihundert Bikern über den 150 Kilometer langen Inselritt zu helfen. Wer will, kann vom Start im Norden bis zum Ziel im Süden durchfahren. Für die anderen hält ein Militär-Camp die nötigen Annehmlichkeiten zur Übernachtung bereit. Alles, was die Biker tun müssen, ist treten. Um den Rest kümmern sich die Soldaten. Der Heli steigt auf. Die Operation „Müsli-Sturm“ beginnt. Die fünf auf Einladung gestarteten Profis sind gut auszumachen. Schon nach den ersten Kilometern haben sie sich in Fahrtrichtung aus der Staubwolke der Hobby-Athleten geschält. Anders als der Rest des Pulks leben die Fünf nicht nur für, sondern auch vom Sport, was sich nun in ihrer übertriebenen Hast widerspiegelt. Der Deutsche Andi Strobel, Zweiter der diesjährigen JEANTEX BIKE Transalp und der Italiener Roland Stauder, Triumphator der legendären Crocodile Trophy, kennen sich seit Jahren. Die entscheidenden Attacken wollen sich die Favoriten für die letzten Kilometer aufsparen. Bis es soweit ist, lösen sie sich brav in der Führung ab. Die Strecke ist selektiv und hält die Angriffslaune in Schach. Ein fieses Potpourri aus Waschbrett-Passagen, Geröll und giftigen, mit Sand überwehten Kurzanstiegen. Staub für die Lunge, Prügel für die Bandscheiben. Oben überwacht der Heli den Luftraum, nach hinten sichert ein Hummer-Jeep ab, wogegen auch immer. Alle paar Meter weist ein Streckenposten mit roboterartigen Winkbewegungen die Richtung, die Getränke werden zackig gereicht, militärisch präzise. „Der Aufwand ist der Wahnsinn, das gibt es definitiv bei keinem anderen Rennen“, freut sich Strobel. General Mateo Castaneyra, der sich die Zwischenberichte von Colonel Buigues in die Einsatzzentrale funken lässt, erwartet nichts weniger. „Mit Organisation und Disziplin gibt es keine Probleme“, berichtet er mit kehliger Kommandostimme. Das Zusammenspiel zwischen Bataillon und den zivilen Einheiten von Ambulanz und Polizei laufe hervorragend, fügt er an. Ein kurzes, zufriedenes Lächeln arbeitet sich in die Mundwinkel des Generals.



Die kanarische Nachmittagssonne drückt unbarmherzig auf die karge Mondlandschaft, als sich das Teilnehmerfeld endgültig in die zwei entscheidenden Gruppen teilt. Ein Drittel der Teilnehmer ist am lassen. „Ich wollte von Anfang an in zwei Etappen fahren, weil ich total gespannt auf das Camp war“, sagt der Stuttgarter Dirk Hörnig (32) und schiebt sein Bike zu einem leeren Pool. Dort wachen drei Soldaten über den abgestellten Fuhrpark, die Waffen als Gegenargument für diebische Absichten in Griffnähe. Während die Profis sechzig Kilometer weiter im Süden den Sturm auf den Zielort Morro Jable beginnen, kommt Leben in das „Flüchtlingslager“. Getränke-Theken werden aufgebaut, ein riesiger Grill befeuert, Matratzen zum Relaxen ausgelegt. Jeeps bringen frisches Grillfleisch und kühle Drinks. Eine Gruppe Soldaten rückt die Leinwand für die Dia-Show in Position, auf der später die Bilder des Tages gezeigt werden. Den Fahrern soll es an nichts fehlen. Und weil die Armee weder Gewinn machen darf, noch dieses überhaupt vor hat, gibt es alle Extras im ohnehin üppigen Schlemmerangebot zu Discount-Preisen. „Man fühlt sich hier wie ein Pascha“, findet Philipp Foltz, der gerade zwei Bier geordert hat, die Flasche für siebzig Cent. Gerade einmal dreieinhalb Stunden hat Foltz vom Start bis ins Camp gebraucht. Er hätte durchfahren können, wählte aber den Zwischenstopp. Die freundliche und hilfsbereite Art der Soldaten habe ihn total begeistert, schwärmt er. Da wollte er nicht einfach wie ein Irrer durchrasen.



Von dem logistischen Gewaltakt im Hintergrund bekommen die Fahrer kaum etwas mit. Für das Militär ist das Rennen Schwerstarbeit. Strecke sperren, Posten verteilen, Verpflegung heranschaffen, Camp aufbauen, Fahrzeuge betanken, Helikopter in Bereitschaft halten, Teams einteilen, die Zusammenarbeit mit Rettungskräften und Polizei koordinieren: ohne eine ausgefeilte Strategie undenkbar. Alles wurde bis ins kleinste Detail geplant. Wenn Flüchtlinge am Rande des körperlichen Zusammenbruchs auftauchen, darf keine Zeit vertrödelt werden. So gesehen unterscheidet sich ein Marathon in seiner Grundstruktur tatsächlich nur unwesentlich von einem humanitären Einsatz. Das Wecken am nächsten Tag macht da keine Ausnahme. Ein flotter Trompetenmarsch zerschmettert Punkt 7:30 Uhr die Morgenstille. Nach dem Frühstück geht es weiter. Sechzig wellige Kilometer sind es vom Camp bis nach Morro Jable, einem einstigen Fischerdorf, in dem inzwischen die massenorientierte Hotelgastronomie das Bild bestimmt. Philipp Foltz, in früheren Jahren Rad-Profi, sprintet um den Tagessieg, obwohl es nur für die Non-Stop-Fahrer eine Wertung gibt. „Die Atmosphäre hat einfach angesteckt“, keucht er hinterher, in der Hand ein hopfenhaltiges Revitalisierungsgetränk. Im Zielgelände pulsiert Party-Stimmung. Perfekte Organisation, da sind sich alle Fahrer einig. Nur Colonel Buigues, der per Funk die Rückholung der Streckenposten organisiert, ist nicht hundert Prozent zufrieden. „Es war gut, aber aus militärischer Sicht nicht perfekt“, findet er. Was genau er damit meint, bleibt für Außenstehende unklar. In zwei Jahren wird das Bataillon „Soria 9“ 500 Jahre alt. Colonel Buigues hat für den Geburtstag nur einen einzigen Wunsch. Ein perfekter Marathon. Einhundert Prozent.

Bilder: Oliver Soulas


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