Die einen tanken mit Power-Riegeln auf, die anderen naschen Apfelstrudel auf der Hütte. Die einen rasen mit Blitzlicht-Gewitter ins Ziel, die anderen im Abendrot. Der Mythos „Transalp-Challenge“ elektrisiert Profis und Feierabend-Radler.

Karl Platt ist mit den Nerven am Ende. Das bekommt seine Trinkflasche zu spüren. Er quetscht sie nervös und nuckelt immer wieder daran. Tief und hastig, als könne er mit jedem Schluck noch ein paar Sekunden Zeit aus ihr heraussaugen. Nicht mal fünf Stunden hat er mit Team-Partner Mannie Heymans von Scuol bis auf den Marktplatz in Naturns gebraucht. Für 118 Kilometer und 3300 Höhenmeter. Nun tropft Schweiß auf seinen Pulsmesser, der immer noch 128 Schläge pro Minute anzeigt. Mannie hat seinen Arm auf Karls Schultern gelegt. So starren sie seit Minuten auf die gelben Zahlenkolonnen über dem Zielstrich. „Wir haben es, wir haben es!“ Es – das Gelbe Trikot der Gesamtwertung. Noch wissen sie nicht, dass Gerben de Knegt, der morgens noch in Gelb gestartet ist, mit einem offenen Oberschenkel-Bruch auf der letzten Abfahrt liegt.

Onkel Walter steht auch auf dem Marktplatz. Seit einer Stunde reckt er seinen Hals Richtung Ziel. Schaut auf seine Armbanduhr, auf die gelben Zahlenkolonnen. Gleich wird es 19 Uhr. Jetzt könnten „seine Jungs“ aber bald mal kommen. Seit fast elf Stunden sind sie unterwegs. „Hoffentlich ist nichts passiert.“ Onkel Walter ist Betreuer des Teams „Radkappen“. Aufgabenschwerpunkt: im Ziel mit zwei frisch gezapften Blonden bereitstehen. „Das haben sich die Jungs verdient nach so einer Strapaze. Ich muss nur aufpassen, dass ich das Bier nicht zu früh hole, sonst schmeckt das wie Puma-Pipi“, erklärt Onkel Walter, der von seinen Jungs liebevoll Smutje genannt wird. Jetzt muss er sich leider entschuldigen. Seine Radkappen sind da – Gerhard Hansl (49) und Reiner Stein (43). 10:50 Stunden, neuner Schnitt. Gar nicht schlecht. Na dann, prost!

Die adidas BIKE Transalp Challenge gilt als das härteste Rennen der Alpen, vielleicht sogar der Welt. 662 Kilometer, 22400 Höhenmeter, acht Etappen. Ein Mythos, der Profis und Feierabend-Radler gleichermaßen elektrisiert. Zwischen der Spitzengruppe und dem Schluss-Motorrad liegt nicht selten ein halber Tag. Blitzlichter für die einen, Abendrot für die anderen. So kommt jeder auf seine Kosten. Die Transalp Challenge ist Profi-Rennen und Abenteuer-Tour. Geschwitzt wird vorne wie hinten. Nur die Motive sind andere.

Der Anstieg zum Auener Jöchl ist ein ewiges Asphaltband. 1600 Höhenmeter, nicht sehr steil, aber lang. Die „Radkappen“ lassen es lieber ruhig angehen. Gerhard ist noch ganz fertig von gestern. Außerdem schmerzt der Ellenbogen – auf der letzten Abfahrt nach Naturns sind sie gestürzt. „Dieser verdammte Split, ganz fies in der Kurve.“ Heute werden sie keine Bäume ausreißen. Gerhard und Reiner sehen das realistisch. Sie waren im vergangenen Jahr schon dabei. „Immer unter den letzten Drei“, lacht Gerhard. Es sei wie eine Sucht. Als ihm dieses Mal am dritten Tag der Rahmen brach, hätte er fast geheult. Aufgeben wäre das Schlimmste überhaupt.

Zum Glück konnte er noch ein Ersatz-Bike auftreiben. Auf das hat Gerhard nun die Zeiten vom Vorjahr und das Höhenprofil geklebt. So weiß er genau, wo eine Hütte kommt. So viel Zeit muss sein. „Ich verstehe nicht, wie sich die Leute diesen Gel-Mist reindrücken können. Auf der Hütte gibt es doch viel bessere Sachen“, sagt der Kommunikationstechniker und schüttelt den Kopf. Team 494 ist ganz froh, dass genug Power-Gels und Energie-Riegel im Rucksack sind. Lars Mehler und Jan-Thomas Metje kämpfen sich direkt hinter den „Radkappen“ den Berg hoch. Den Großteil zu Fuß, denn Software-Entwickler Lars hat es in den vergangenen zehn Jahre etwas schleifen lassen. Zehn Kilo Übergewicht. Kein Sport. Keine Motivation. Immerhin hat er für die Transalp mit dem Rauchen aufgehört und acht Kilo abtrainiert. „Ich mach das hier alles nach Puls, bei 160 ziehe ich die Bremse. Da laufe ich lieber, als dass ich völlig kaputtgehe“, keucht Lars und knabbert an einem Riegel. Hart hatten sie sich die Strecke ja vorgestellt. Aber so? „Im Januar haben wir uns kräftig einen auf die Lampe gegossen. Irgendwie beschlossen wir da, die Transalp zu fahren. Tja, nun sind wir hier“, grinst Jan-Thomas. Ihr größter Gegner ist nicht das Gebirge, sondern die Uhr. „Unser Ziel ist es, jeden Tag die Karrenzzeit zu schaffen“, erklärt Lars. Also weiter. Gleich ist es schon wieder Mittag. Und sie haben gerade mal zwanzig Kilometer weg.

Etwa zur gleichen Zeit im Zielort Kaltern, 50 Kilometer entfernt: Im Quartier der deutschen Nationalmannschaft sitzt Team-Arzt Dr. Olaf Schumacher an seinem Laptop. Alle sieben Teams sind schon unter der Dusche oder bei der Massage. Zeit für Dr. Schumacher, die Etappe auszuwerten. Um sich für die Olympischen Spiele in Form zu bringen, rollt das National-Team bei der Transalp als Training mit. „Wettkampfspezifische Ausdauer“, sagt der Mediziner dazu. Dass seine Schützlinge die Herren- und Damen-Wertung anführen, findet er schön. Aber nicht wirklich wichtig. „Das Rennen ist Beiprogramm“, sagt Schumacher mit schneidiger Stimme und lädt die Daten von handgroßen Cyber-Eiern ins Laptop. Die Eier sind neuartige GPS-Rekorder, die sämtliche Werte der Etappe aufzeichnen: Puls, Strecke, Geschwindigkeit, Kraftwerte, Temperatur – wahlweise auch in Farbe und 3D. Ein Klick, und schon flimmern Kurven, Diagramme und Tabellen über den Bildschirm. „Gestern haben mir Stefan Sahm und Jochen Käß erzählt, sie hätten nach einem Platten extrem aufgeholt. Ha, von wegen. Nach der Panne waren sie auch nicht schneller als die Führenden. Mit dem System erzählt mir keiner was“. Der Arzt lacht trocken und lässt die Pechvögel als blauen Punkt über die virtuelle Strecke rasen. Die Satelliten-Überwachung entlarvt jede Schwäche. Das Ei hat seine Athleten in gläserne Sportler verwandelt.

Oben auf dem Auener Jöchl brennt die Sonne mit über 30 Grad. Nach vier Stunden und zwanzig Minuten schleppen sich die „Radkappen“ und Team 494 müde auf den Gipfel. Noch vor zwei Stunden drängelten sich hier die Fans, knatterten mit Ratschen und läuteten mit Kuhglocken. Jetzt ist der Berg menschenleer. Lars lässt sich ins Gras plumpsen und breitet seine Kollektion Energie-Riegel aus. Vanille, Schoko, Apfel-Zimt? „Ich hätte jetzt viel lieber davon 500 Gramm mit Kräuterbutter“, ruft er und zeigt auf die Rinderherde nebenan. Dass die Ersten wahrscheinlich schon wieder im Ziel sind, findet er „einfach brutal.“ Aber schließlich machen die ja auch den ganzen Tag nichts anderes. „Die können ja mal mit mir um die Wette programmieren. Da würden die auch alt aussehen“, motiviert sich Lars. Kumpel Jan-Thomas bringt das Hauptproblem der Alpenhatz auf den Punkt – chronischer Zeitmangel. „Ich arbeite 60 Stunden in der Woche. Erst hast du wegen des Jobs keine Zeit fürs Training. Dann brauchst du auf jeder Etappe so lange, dass du gar keine Zeit mehr zur Erholung hast. Wir kommen abends ins Ziel und ab fünf Uhr morgens geht die Hektik in der Massenunterkunft schon wieder los“, erklärt der Computer-Fachmann. Wenn er einen Wunsch frei hätte, dann würde er einfach gerne mal in Ruhe frühstücken und sich nicht ewig am Klo anstellen müssen.

Die Transalp Challenge ist mehr als ein Rennen. Sie ist Abenteuer. Vor allem aber eine menschliche Bewährungsprobe. Holger Meyer hat alles gesehen: Leid, Euphorie, Aggression, Verzweiflung, Jubel, Heldenmut. Meyer begleitet die Transalp seit ihrem ersten Tag als Schlussfahrer. Er ist der Letzte, der losfährt. Und der Letzte, der ankommt. „Du bist Fahrer, Psychologe, Mechaniker und Trainer in einem. Manchmal sogar Eheberater.“ Vor drei Jahren zerbrach vor seinen Augen eine langjährige Beziehung. Dieses Jahr sind die beiden wieder dabei – als Team, nicht mehr als Paar. Meyer kommt meist erst dann ins Ziel, wenn alle anderen schon zu Abend gegessen haben. Einmal musste er fast vierzehn Stunden hinter den Letzten herzuckeln. Ein Knochenjob, auch für ihn.

Samstagmittag, Riva am Gardasee: Der Moderator will alle Hände sehen. Schließlich wird in wenigen Sekunden die Spitzengruppe auf der allerletzten Zielgerade der Transalp-Challenge erwartet. Wie Rotfront-Kämpfer ballen Karl Platt und Mannie Heymans die Fäuste, als sie triumphierend über den Zielstrich rollen. „Der Hammer“, ruft Karl und steigt jubelnd vom Rad. Es regnet wie aus Kübeln, aber das ist jetzt egal. Denn der Schweiß- und Regendusche folgt ohnehin erst mal die obligatorische Sektdusche. Drei Stunden später steht Onkel Walter noch immer im Regen. Er vergleicht nervös seine Armbanduhr mit den gelben Zahlenkolonnen. Team 494 kommt ins Ziel gesprintet. Wo die „Radkappen“ nur bleiben? Nach siebeneinhalb Stunden biegen sie schließlich auf die letzte Zielgerade ein, legen einen echten Schluss-Spurt hin. Sie haben es geschafft! Acht Tage Quälerei, über 20000 Höhenmeter. Wahnsinn! Gerhard schreit seine Freude mit Urwald-Lauten heraus. Heute hat Smutje schlechte Karten mit seinem Bier. Gerhard duscht lieber in Prosecco und trinkt den Rest auf Ex. Das Blubber-Wasser ist inzwischen zwar auch warm wie „Puma-Pipi“, aber immer noch besser als diese Iso-Drinks. Nächstes Jahr sind sie wieder dabei. Das ist mal klar. Zumindest in diesem Punkt sind die Radkappen jetzt mal ganz flott.

Bilder: Oliver Soulas


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