Ein Drittel mehr Power, ohne Training. Die Versuchung war für BIKE-Reporter Henri Lesewitz einfach zu groß. Mit eingebautem Rückenwind ging er beim Gardasee-Marathon auf Trophäen-Jagd. Bemerkt hat den Schummel niemand.

Das Fairplay beginnt am Tresen. Zwei Halbe habe ich gestern abend noch geschlürft. Extra. Und mir anschließend ein pampiges Tiramisu hinterhergestopft. Schließlich sollen die Profis beim Marathon nicht zu sehr an meinem Hinterrad leiden. Chancengleichheit ist oberstes Gebot. Der Winter war lang, der Kühlschrank größer als die Trainingsmoral. Jetzt spannt das Trikot. Trotzdem will ich mit „Kette rechts“ aufs Podium rasen. 48 Kilometer und 1100 Höhenmeter trennen mich vom Sensations-Erfolg. „Five minutes to the start“, tönt der Streckensprecher. Mein rechter Daumen streichelt den roten Turbo-Knopf am Lenkerhörnchen. Ich gebe zu: Ich habe gedopt. Nicht mich, um Himmels Willen, vom Tiramisu mal abgesehen. Sondern mein Bike: Im Tretlager steckt unsichtbar eine revolutionäre Weltneuheit – ein winziger Elektro-Motor. Durch Kabel in den Rahmenrohren verbunden mit einem Ein- und Aus- Knopf am Cockpit. Die Energie liefert ein kompakter Hochleistungs-Akku in der Satteltasche. Außer dem Schalter sieht man nichts. Wird der gedrückt, reißen 100 Watt zusätzlich an der Kurbel – also etwa ein Drittel mehr als ohne das Wunderwerk. Dafür hätte ich den ganzen Winter bei Wasser und Haferflocken auf der Rolle schwitzen müssen. Dann lieber so. Der Antrieb funktioniert nicht wie bei einem Moped, also Gas geben und Nasebohren. Eher wie eine unsichtbare Hand, die einen sanft auf den Berg schiebt. Treten muss man wie gewohnt, nur eben mit weniger Schweiß auf der Stirn. Vier Prototypen existieren vom Antrieb. Ich bin der erste Reporter weltweit, der damit Gas geben darf. Um die Moral der Gegner nicht zu zerstören, habe ich ein Schild ans Trikot geheftet: „Keine Konkurrenz! 1000 Watt!“ Trotzdem ist mir im Startblock mulmig. Die Sittenwächter von der UCI wollen alle Fahrer disqualifizieren, die gegen die Trikot-Ordnung im Reglement verstoßen, sagt der Streckensprecher. Mein Trikot entspricht zum Glück den Vorschriften. Wenigstens das.

Noch „two minutes to the start“ – Zeit für einen kleinen Scherz: Ich hebe das Hinterrad an, drücke den Knopf und lasse die Kurbel kurz mit einem Affenzahn rotieren. Das Ding geht ab wie Schmidts Katze. Den Jungs um mich herum fällt fast der Unterkiefer auf die Füße. „Ten seconds!“, dann geht es los.

Bis zum ersten Anstieg sind es sieben Kilometer Asphalt. Die Kette liegt rechts, die Beine wirbeln. Doch von der Spitze trennen mich schon fast hundert Meter. Der Computer registriert 55 Sachen. Es wird gedrängelt wie früher beim Winterschlussverkauf. Vor jeder Kurve radiert Gummi über den Asphalt. Hin und wieder zerschellt Übermotivation an Verkehrsinseln. Wie das eben so ist, in der Frühphase eines Marathons. Der Motor ist noch aus. Ich muss Strom sparen, denn der Akku hält maximal eineinhalb Stunden. Gerade genug bis zum höchsten Punkt der Strecke. Jemand knufft mich in die Seite. „1000 Watt? Wo denn, in der Hose?“, kichert der Spaßvogel. „Nee, unterm Hintern“, schreie ich gegen den Fahrtwind. Der Typ versteht nicht ganz.

Die Asphaltstraße bäumt sich langsam auf. Mein Daumen lauert am roten Knopf. Attacke! Der Motor heult auf und summt schrill wie ein Zahnarztbohrer. Ich merke erst mal nicht viel, ballere aber mit 25 Sachen in den Berg. Bei 60 Kurbelumdrehungen pro Minute liegen 100 Prozent Motorleistung an. Würde ich schneller treten, wäre ich dem Antrieb voraus, die Wirkung würde verpuffen. Ich suche hektisch nach der optimalen Drehzahl, denn die Oberschenkel werden langsam dick. Der Motor summt zwar unüberhörbar, trotzdem bin nicht ganz sicher, ob er wirklich funktioniert. Zum Test schalte ich ihn kurz aus. Keine gute Idee. Die Muskeln schwellen an, der Puls klopft an die anaerobe Schwelle, ich werde langsamer. Der Berg bäumt sich auf wie ein Un-geheuer. Ich schalte sofort wieder ein. Das Aufheulen des Motors ist eine Erlösung. Er summt das Ungeheuer zurück in den Schlaf – kein Zweifel, der Antrieb funktioniert. Zwei Kilometer sind geschafft, ich bin Teil der langen bunten Biker-Schlange, die sich Serpentine um Serpentine nach oben schraubt. Ich halte mit im Pulk der rasierten Waden, mehr aber nicht. Meine Sieg-Ambition kann ich wohl begraben. Auch Kurven-Drifts bergauf schaffe ich nicht. Die 100 Watt sind wie ein unsichtbarer Team-Kollege, der mich merkbar schiebt. Mein schlampiges Training allerdings kann auch er nicht vergolden. „Hey, deine Bremse schleift“, kreischt es von hinten. Der Typ meint das Summen. „Besseres Training“, japse ich zurück. Keiner im Feld vermutet einen Motor. Wahrscheinlich weil ich so sehr schwitze. Doch genau darum ging es dem Erfinder.

Der heißt Reinhold Gruber, ist begeisterter Bergsportler und eigentlich Bauingenieur. Um seinen Bike-Anhänger mit „dem ganzen Geraffel“ besser auf die Berge ziehen zu können, grübelte er monatelang über einer Lösung. „Ich wollte kein Moped bauen, die gibt es ja schon, sondern nur etwas Unterstützung beim Treten haben“, erklärt der drahtige Österreicher. 20000 Höhenmeter haben seine vier Prototypen bereits klaglos überstanden. Das Herzstück, ein winzig kleine Getriebekonstruktion (Übersetzung 111:1), hält Gruber für ausgereift. Bald schon soll der „Gruber Antrieb“ auf den Markt kommen. Nun hofft der Erfinder auf Fortschritte in der Akku-Technologie. Drei Stunden Power, ist er sich sicher, könnten schon in Kürze realistisch sein.

Mir geht der Strom grad komplett aus. Der Motor hievt mich noch an den Profi-Damen aus dem ersten Startblock vorbei, dann fängt er an zu stottern. Das gute Stück hat den Lithium-Block, einen Prototypen, leergesaugt. Hektisch drücke ich den roten Schalter, denn der Druck auf meinen Pedalen lässt plötzlich sehr zu wünschen übrig. Die Profi-Damen rollen an mir vorbei. Der Berg ist wieder erwacht und reckt sich steil vor mir empor. Mein Tempo rutscht von zehn auf sieben Kilometer in der Stunde; jeder Tritt tut nun weh. Mir kommt fast das Frühstück hoch. Die zwei Halben von gestern melden sich. Und das Tiramisu. Dann erreiche ich den höchsten Punkt. Zehn Minuten schneller als beim Versuch ohne Motor zwei Tage zuvor. Ich bin beeindruckt. Bergab fährt sich das Bike wie jedes andere auch, im Ruhezustand ist der Motor nicht spürbar. Das Bike rollt leichtfüßig. Nur beim Rückwärtsdrehen der Kurbeln ist der Widerstand etwas größer als gewohnt. Ein paar Wellen, drei flache Kilometer, dann erreiche ich das Ziel – als Dreißigster. Doch ich bin außer Wertung. Der Schweiß tropft, die Beine brummen. Ich habe alles gegeben. Der Sieger war trotzdem 25 Minuten schneller – ohne Motor. Vielleicht sollte ich künftig ab und zu auf „kühle Blonde“ und Tiramisu verzichten.

Bilder: Oliver Soulas


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