Die Mongolia Bike Challenge wollte die Grenzen des menschlich Möglichen ausloten. Es kam noch viel dicker. Wer sich mit der Natur anlegt, zieht meist den Kürzeren.

Die Sandpiste fährt weiter, taucht schnurstracks unter ihm durch, obwohl er mit beiden Beinen auf ihr steht. Das macht Herwart Rehborn (39) ein bisschen nervös. „Verdammte Viecherei", keucht Rehborn, lässt seinen kraftleeren Oberkörper auf den Lenker sinken und saugt gierig am Schlauch seines Trinkrucksacks, der seit Kilometern nichts mehr bereithält, außer flirrend heißer Luft.

Es ist kein gutes Zeichen, wenn der Boden unter den Füßen zu leben beginnt. Schon gar nicht hier im mongolischen Überhaupt-nichts, in der von Sandsturm durchpeitschten Gobi-Wüste, wo schon von Natur aus kein Leben vorgesehen ist. Wenn er den heutigen Tag überleben will, braucht Rehborn dringend Wasser. Doch das kann dauern. Vierzig Kilometer sind es bis ins Etappenziel. Sollte der Wind weiter so furienhaft von vorne blasen, wird Rehborn unter Aufbietung aller Kräfte vier Stunden dafür benötigen. Mehr als zehn Kilometer pro Stunde sind nicht drin, selbst in der Ebene. Der Gegenwind ist gnadenlos und würde Bäume auswurzeln, wenn es welche gäbe. Dazu die Sandlöcher, die alle paar Meter zuschnappen, hungrig wie Scheibenbremsen. Das Schlimmste aber: Genau so hatte sich Rehborn diesen Mongolei-Urlaub vorgestellt, hingelümmelt auf dem Sofa daheim in Ratingen.

„Ich wollte mich einmal in die Hand Gottes begeben", sagt er und muss sich selbst auslächeln. Warum nur will man immer das verfluchte Gegenteil von dem, was man gerade hat? Jedenfalls: Nichts wäre jetzt herrlicher als das Sofa daheim in Ratingen. Dabei hat das Rennen erst vor wenigen Stunden begonnen.

Sich in die Hand Gottes zu begeben, dürfte nirgendwo leichter sein als in der Mongolei. Das zentralasiatische Land ist der am dünnsten besiedelte Binnenstaat der Welt. Nicht einmal drei Millionen Menschen leben auf der vierfachen Fläche Deutschlands, die Hälfte davon in der Hauptstadt Ulan Bator. Alleine auf deutschen Möbelhaus-Parkplätzen dürfte mehr Asphalt verwalzt sein, als in der gesamten Mongolei. Die Landschaften sind episch, aber menschenfeindlich, die Wetterlaunen unberechenbar. Es gibt Bären, Wildkatzen, Wölfe. Nur absolut problemresistente Erlebnis-Extremisten würden sich mit dem Fahrrad in diese Strukturöde wagen. Niemand aber wäre wohl so wahnsinnig, dort ein Mountainbike-Rennen zu veranstalten. Niemand, außer Willi Mulonia (43).

„Mongolia Bike Challenge" heißt das zweiwöchige Etappen-Abenteuer, das der ehemalige Lehrer und Weltenbummler zur Schaumkrone der internationalen Outback-Rennszene erheben will. Die Ungemütlichkeit ist im Konzept einprogrammiert. Maximale Strapaze bei minimalem Komfort. Tagsüber Wüste, Flüsse, Gebirge. Abends Zelt. Ein Rennen an der Grenze des menschlich Möglichen. Neunzig Fahrer fühlten sich unerschrocken genug und meldeten. Die mongolische Führung ließ sie bei einem pompösen Staatsempfang vor dem Regierungspalast aufmarschieren. „Viele reden jetzt schon vom härtesten Rennen der Welt. Ich würde es eher als Lebenserfahrung bezeichnen, die man erst Monate später realisieren wird", versucht Mulonia eine Einordnung. Es klingt wie eine Drohung.

Der dritte Tag, irgendwo im Nirgendwo. Es ist noch dunkel. Mit vom Vortag zerfurchtem Gesicht, den Oberkörper in den stürmischen Gegenwind geneigt, kämpft sich Rehborn Richtung Frühstückszelt. Die Augen schauen müde, die Wangenknochen drücken Kanten in die Haut. Zum heftigen Gegenwind des ersten Tages hatten sich gestern noch unerträgliche Hitze, üble Waschbrett-Passagen, tiefer Sand und tendenzielle Unterbewirtung gesellt. Jetzt fliegen Zelte durch die Gegend. Einen Österreicher hat es zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt mit dem Plumpsklo umgeweht. Die Hand Gottes ballt sich langsam aber sicher zur Faust.

„Wenn ich surfen gehe, ist nie Wind. Und hier gleich so!", begrüßt Rehborn die anderen Deutschen, die mit leerem Blick auf weichen Cornflakes und harten Weißbrotscheiben herumkauen.

„Hoffentlich bleibt das Frühstück drin", sorgt sich Berthold Schwarz (45), der sich gestern so dermaßen tiefentladen hat, dass er im Sitzen wie im Stehen wankt wie auf einem Krabbenkutter. Der Informatiker vom Tegernsee hat sich bei Extremrennen auf der ganzen Welt gequält. Er ist ein Veranstaltungstourist, ein Erinnerungssammler, ein Profi auf dem Sektor des Selbstverheizens. Dem Sterben so nah gefühlt wie hier, hat er sich noch nie. Er sieht aus, als hätte er gleichzeitig Zahnschmerzen, Kater und Magen-Darm-Grippe.

„Ihr müsst das positiv sehen", sagt Christine Dietsche (32), eine Diplompsychologin, die sich bestens mit der Überwindung von Stimmungstiefs auskennt. „Wille", heißt der Titel ihrer Doktorarbeit, an der sie daheim in Zürich schreibt.

„Wie, positiv?", hakt Rehborn nach.

„Die Strategie ist: alles lieben, nichts hassen. Hitze zum Beispiel. Ist doch besser als Schnee. Du musst sagen: Ich liebe Hitze!", feixt „Chrissi".

„Na super!", sagt Rehborn und wendet sich dem Trubel in der Zeltmitte zu. Rennchef Willi Mulonia bittet um Ruhe.

Wichtige Durchsage. Die Etappe fällt aus. Zu windig. Zu gefährlich. Transfer mit den dubiosen, aber strapazierfähigen Russenbussen. „Ich bin nicht hier, um Leute umzubringen", sagt Mulonia. Die Masse der Geschundenen quittiert den Spruch mit höhnischem Lachen.

Die Tage vergehen so spektakulär wie monoton. Während sich die Landschaft immer majestätischer aufbaut, ist der Rhythmus der Fahrer täglich gleich. Kurbeln, essen, Zeltdecke anstarren, kacken, schlafen. Wer noch Kraft übrig hat, ölt die Kette oder wagt sich in eine der eiskalt bewässerten Duschkabinen. Die Liste derer, die sich nicht mehr im Klassement befinden, ist entsprechend lang. Kaum einer ist Sponsoren verpflichtet. Für die meisten ist das Rennen eine spezielle Form von Urlaub. Manche wollen sich ein aufregendes Image anheften, andere ihr überregeltes Leben kontrastieren. Die wenigsten sind an einer Platzierung interessiert. Der Führende, ein Italiener, scheint ohnehin von allen Naturgesetzen befreit. Er fährt zu schnell, er sieht zu gut aus, er hat zu gute Laune.

Dass sich Herwart Rehborn zur Teilnahme entschloss, war Zufall. Ein Kumpel hatte den Link der Veranstaltungs-Homepage geschickt. Rehborn war gefesselt von den Landschaftsbildern. Sie zeigten das Gegenteil von Ratingen - monumentale Weite, eingepackt in symphonische Ruhe. Rehborn arbeitet als Projekt-Manager, er ist ein Meister der Organisation. Wie ein Projekt-Manager ging er auch die Reise in die Traumlandschaft an. Er kaufte ein Mountainbike und übte sich in Fahrtechnik. Er informierte sich über Sporternährung und las Tests über Radkoffer. Er optimierte seinen Körper, sein Können, seine Ausrüstung und investierte 8000 Euro in das Projekt Mongolei. „Betreutes Abenteuer", nennt Rehborn das Rennen. Es ist sein Jahresurlaub.

Es ist der Tag acht, fünf Uhr morgens, als sich die Hand Gottes endgültig zur Faust ballt. Rehborn hat schlecht geschlafen. Ihm ist übel. Mit letzter Kraft hat er sich gestern nach elf Stunden ins Ziel geschleppt. Der Wille hatte den Körper vergewaltigt. Rehborn hat Magenkrämpfe. Er zittert. Ihm ist hundekalt.

Rehborn robbt nach vorne, zieht den Reißverschluss seines Zeltes nach unten und erstarrt mitten in der Bewegung. Eine Wahrnehmungsstörung, vielleicht wegen des allzu starken Mangels an Elektrolyten? Das Zeltlager, das er gestern bei wohligen Sommertemperaturen erreicht hat, ist unter einer geschlossenen Schneedecke begraben.

„Das wird immer krasser!", hört er nebenan die Stimme von Berthold fluchen. Dessen zum Trocknen rausgehängte Klamotten sind tiefgefroren.

Es ist ein unfassbares Konzentrat der Extreme, das sich den Teilnehmern der Mongolia Bike Challenge entgegenstemmt. Es scheint selbst Rennchef Mulonia zu überraschen. Ihn, der jahrelang um die Welt geradelt ist. Der sich besonders viel Zeit in der Mongolei gelassen hat, weil ihn Wetterkapriolen nicht sonderlich interessieren. Und der sich bei der Organisation an den heftigsten Ausdauerprüfungen der Welt orientierte, weil er nichts so verachtet, wie Gemütlichkeit. Es ist auch seine Hand, die sich um die Fahrer ballt.

„Briefing!", ruft er gestresst durch das Zeltlager. Auf den heutigen 130 Kilometern sind massenhaft Flüsse zu durchqueren, manche brusttief. Mörderisch bei dem Wetter. Selbst nach Mulonias Maßstäben. Nach zweistündiger Beratung wird auch diese Etappe abgesagt. Böse ist keiner. Einzig der Regensburger Stephan Kappel (43) hätte den Irrsinn gerne auf sich genommen. Aber der war auch schon zum Freeriden in Rumänien.

Zwei Tage und weitere 250 Kilometer später ist das finale Ziel erreicht. Die Tempelstadt Karakorum, einstige Residenz von Nationalheld Dschingis Khan, zählt zu den heiligsten Orten der Mongolei. Die Jubelfaust von Rehborn durchbohrt die Luft, jemand klopft anerkennend seine Schulter. Die Anspannung weicht endlich zarten Urlaubsgefühlen.

Rennchef Mulonia steht abseits. Er grübelt. Die Homepage soll mit einem Zusatz erweitert werden: „Sie schauen nach einem Bike-Urlaub? Machen Sie keinen Fehler. Suchen Sie woanders!"

Mulonia hört seinen Worten hinterher. Er lächelt. Der Spruch gefällt ihm. Er soll als Ticker über den Monitor laufen. Und das ist jetzt definitiv eine Drohung.

Fotos: Henri Lesewitz


Share