Das Leadville Trail 100 ist das Monument der amerikanischen Marathon-Szene. Noch nie hat ein Ausländer das Rennen gewonnen. Den Österreicher Alban Lakata ließ das nicht ruhig schlafen.

Als wirklich niemand mehr hineinpasst in die Basketball-Halle der Lake County High School, als hunderte Körper zu einer bunten, bebenden Masse verschmolzen sind, zuckt ein Lächeln auf die Lippen von Ken Chlouber (73).

„Are you ready?“, ruft Chlouber mit der vollen Kraft seiner Stimmbänder ins Mikrofon und biegt den Oberkörper mit jedem Wort ein bisschen mehr nach hinten, so ekstatisch und arschcool, wie es sonst nur altgediente Stadionrocker hinbekommen.
Natürlich sind sie bereit. Die 1700 Glücklichen der Startplatz-Lotterie. Die mitgereisten Bekannten. Die Organisationsleute. Und erst recht die Medienleute. Seit Lance Armstrong in die Kameras jammerte, dass er beim just absolvierten Leadville Trail 100 schlimmere Qualen durchlitten habe als bei der Tour de France, gilt das Rennen als legendärste Ausdauerprüfung Amerikas.
„Yeah!“, dröhnt es vom Spielfeld und den steil abfallenden Zuschauertribünen. Chlouber formt die linke Hand zur Hörmuschel, als könne er nicht das Geringste verstehen.
„ARE YOU READY?“, wiederholt er die Frage. Noch lauter, noch anpeitschender. Und die Masse wiederholt das „YEAH!“-Gebrüll. Noch lauter, noch bejahender.
Chlouber steht jetzt ganz vorne am Bühnenrand. Im Scheinwerferlicht funkelt grell seine obstschalengroße „Leadville Trail 100“-Gürtelschnalle. Die Ausführung für besondere Verdienste. Chlouber ist der Veranstaltungsgründer. Es ist das Riders Meeting am Vortag des Rennens. Doch Chlouber geht es nicht um Streckenhinweise und Zeitabläufe. Es geht um die Botschaft. Und die meißelt er der Menge nun mit der Inbrunst eines Predigers in die Psyche. Jeder kann es schaffen! Jeder kann ein Held sein!
„Commit! I won’t quit!“, brüllt Chlouber und die Masse skandiert: „COMMIT! I WON’T QUIT!“– Alles geben! Niemals aufgeben!
Mit fast schon religiöser Wucht fegt der Stimmungsorkan durch die Halle. Als Chlouber nun auch noch die Wounded Warriors auf die Bühne bittet, ehemalige Afghanistan-Soldaten mit Bike-Schuhen an nagelneuen Hightech-Beinprothesen, fließen emotionale Tränenbäche. Da wird auch schon Lance Armstrong (40) von seinen Bodyguards in das nun gänzlich überbrodelnde Stimmungskonzentrat geschoben. Die Menschen kreischen. Sie jubeln. Sie weinen. Und spätestens in diesen Sekunden wird klar, worum es beim Leadville Trail 100 neben Pokalen und Bestzeiten vor allem geht. Um pures, patriotisches, uramerikanisches Lebensgefühl. Doch das könnte ins Wanken geraten. Morgen schon.

Die Unterkunft des Österreichers Alban Lakata (33) befindet sich keine zehn Gehminuten von der Lake County High School entfernt. Ein trister Holz-Bungalow. Drei Räume, Dusche, Klo. Tiefe Auslegeware, flache Zimmerdecken. Von den Besitzern für die Dauer der Veranstaltung vermietet. So, wie es viele im Ort machen. Im touristisch unterfrequentierten Leadville gibt es so gut wie keine Hotels.
Lakata ist zwei Stunden Vorbelastung gefahren. Auf das Riders Meeting hat er verzichtet. Der Feinschliff ist wichtiger. Er will gewinnen. Lakata wäre der erste Ausländer in der achtzehnjährigen Geschichte des Rennens, dem das gelingen würde. Vor neun Tagen ist er angereist. Leadville liegt auf 3100 Metern Höhe. Die Luft ist derart dünn, dass sie einem schon beim Treppensteigen in schwerste Atemnot versetzt. Beim Rennen geht es rauf bis auf 4000 Meter. „Man fühlt sich eigentlich die ganze Zeit komisch. Die Höhe killt fünfzig, sechzig Watt“, sagt Lakata. Er wirkt nervös. Vor ein paar Tagen wurde Armstrong in der Gegend beim Biken gesehen. Was ungewöhnlich ist. Armstrong steht nicht auf der Startliste. Die US-Anti-Doping-Behörde versucht gerade, eine lebenslange Sperre gehen ihn durchzusetzen. Unter anderem wegen bandenmäßigen Handels mit Doping-Substanzen. Möglich, dass ihm alle sieben Tour-Siege aberkannt werden. Nächste Woche gibt es eine Anhörung vor dem Bezirksgericht in Austin/Texas. Doch es wird gemunkelt, dass Armstrong starten will. „Am Ende zieht’s dir so oder so den Stecker“, sagt Lakata und gleitet mit den Oberschenkeln im monotonen Rhythmus über eine Styropor-Walze. Eine Übung zum Lösen verklebter Muskelfasern. Lakata war letztes Jahr schon am Start. Er weiß, dass es morgen auf jede Faser seines Körpers ankommt.

Es ist später Nachmittag. Durch die Straßen von Leadville blubbern übertrieben dimensionierte Pick-ups mit Bikes auf den Ladeflächen. Vor der Nummernausgabe hat sich eine Warteschlange gebildet. Drüben, zwischen Chestnut Street und der 2nd Street, parken wohnhausähnliche Camping-Mobile. Freiläufe surren. Es riecht nach Grillkohle.
Ken Chlouber, der Mann aus der Basketball-Halle, schreitet mit der Lässigkeit eines Cowboys die Hauptstraße entlang. Er trägt noch immer das orange Stirnband vom Riders Meeting. „COMMIT!“, steht mit Großbuchstaben darauf geschrieben, wie ein Schlachtruf. Genau genommen ist es das auch.
Einst war Leadville eine stolze Stadt. Größte Silberbausiedlung der Welt. 50000 Einwohner, riesige Mienen, 60 Saloons, Rotlichtmeile. Der berühmte Revolver-Held Doc Holliday ballerte hier einen Sheriff um. Der noch berühmtere Poet Oscar Wilde reimte über Leadville schwärmerische Zeilen. Mit der Bergwerkskrise begann der Niedergang. Als schließlich 1982 die letzte Miene dichtgemacht wurde, verlor auch Chlouber seinen Job. Damals lebten gerade noch 3200 Menschen in Leadville. Eine Ruine der Lebenslust.
„Fast alle im Ort waren arbeitslos. Wir mussten uns dringend was einfallen lassen“, lässt Chlouber den Anekdoten-Express über das Gleis der Erinnerungen rauschen, als er sich im finsteren Medienraum eine kurze Verschnaufpause vom Trubel gönnt. Und dann erzählt er die Geschichte. Wie ihm der Einfall mit dem 100-Meilen-Lauf kam, damit zumindest einmal im Jahr ein paar Besucher im Ort übernachten. Wie 1994 eine Variante für Mountainbiker hinzukam, an der 150 Leute teilnahmen. Wie vor vier Jahren plötzlich Lance Armstrong am Start stand und sich nach heftigen Duellen dem Seriensieger Dave Wiens geschlagen geben musste. Wie Armstrong im Jahr darauf wiederkam, gewann und die Startplätze seither im Lotterie-Verfahren zugeteilt werden müssen.
Noch nie gab es beim Leadville Trail 100 auch nur einen einzigen Dollar zu gewinnen. Der Sieger bekommt eine Miniatur-Lore voll Falschgold. Alle anderen erhalten Finisher-Gürtelschnallen aus Blech. Dennoch explodiert die Nachfrage nach Startplätzen Jahr für Jahr. Armstrong wäre in Leadville fast verreckt. Und halb Amerika will es ihm offenbar nachmachen.
„Wer vom Leadville nach Hause kommt, ist ein besserer Mensch“, findet Chlouber und schaut sehr, sehr glücklich unter seinem Stirnband hervor. Das Rennen ist ein Symbol dessen geworden, was er im Herzen fühlt. Commit! Alles geben!

Der Wecker von Lakata piept um 3 Uhr. Aus dem Bett rollen, pinkeln, Zähne putzen. Dann sieben Scheiben Toastbrot essen. Zwei mit Erdbeermarmelade. Zwei mit Honig. Drei mit Nutella. Dazu Kaffee und ein Kohlenhydrat-Getränk. Die zwölf Energie-Gels und sieben Elektrolyt-Flaschen, die er sich während des Rennens reichen lassen wird, hat er gestern schon portioniert. Jeder Biss, jeder Handgriff, jede Bewegung ist präzise durchgeplant. Es ist der Job von Lakata, perfekt zu funktionieren.
„Die Beine sind gut“, resümiert Lakata nach kurzem Gang zum Toaster. Team-Kollege Robert Mennen (27), der gerade Kaffee nachschenkt, nickt stumm.
Die aufsteigende Sonne ist noch ohne Heizkraft, als Lakata im hauchdünnen Renneinteiler an die Startlinie rollt. Überall Menschen, überall Absperrgitter. Aus den Boxen schmettert die amerikanische Nationalhymne. Die Fahrer in den Startboxen reißen sich die Helme von den Köpfen und pressen sie stolz an die Brust. Einzelne weinen. Doch für so etwas hat Lakata keinen Blick. Daheim in Österreich nennen sie ihn den „Albanator“. 2010 war er Marathon-Weltmeister. Doch das alles wird ihm in den nächsten Stunden nicht viel nutzen. Armstrong ist zwar nicht da. Dafür aber der Schweizer Christoph Sauser (36), den sie in der Szene „Sauserwind“ nennen – der amtierende Weltmeister.
„Erst mal nur mitfahren!“, hört Lakata die Stimme des sechsmaligen Gewinners Dave Wiens (47), der ihn an diesem Wochenende mit Radflaschen und Ratschlägen versorgt. Wiens ist wie Lakata beim Team Topeak Ergon beschäftigt. Als der Österreicher 2009 das erste Mal an der Team-Weihnachtsfeier in Koblenz teilnahm, wurde das berühmte Leadville-Video gezeigt. Wiens gegen Armstrong. Zwei Männer mit dem Sozialverhalten von Zyklopen. Ein Kampf an der Schwelle zur Selbstzerstörung. Die Essenz von Sport.
Er sei von den Bildern tief ergriffen gewesen, erzählte Lakata gestern einem Reporter, der sich hinterher seinen Namen buchstabieren ließ. Es ist ein bisschen seltsam, als Ex-Weltmeister seinen Namen buchstabieren zu müssen. Die Beine sind gut. Es ist höchste Zeit, selbst Geschichte zu schreiben.

„Three! Two! One! Go!“, zählt der Chor der 1700 Biker die Sekunden runter. Dann sprintet die Meute los. Wer in weniger als neun Stunden zurück ist, bekommt die extragroße Finisher-Gürtelschnalle.
Die Spitze hat sich zügig formiert. Doch etwas stimmt nicht. Keine lila Markierungsfähnchen mehr. Da endet der Pfad auch schon an einem rauschenden Fluss. Der Posten hat die Spitze auf die Vorjahresstrecke geleitet. Lakata und die anderen schmoren kurz in Fassungslosigkeit. Dann hetzen sie befeuert von Stresshormonen zurück. Die Irrfahrt hat sie zehn Minuten gekostet. Bis zum Ziel sind es noch 120 Kilometer. Also Vollgas. Auf ewigen Schottergeraden hin zu den Twin Lakes, wo ein kilometerlanges, kreischendes Fan-Spalier wartet. Dann hoch zur Columbine Mine auf 4000 Metern Höhe, die Wendeschleife herum und zurück Richtung Leadville. Auf exakt derselben Route, auf der nun massiver Gegenverkehr herrscht. „Rider up!“, brüllen die Heraufschiebenden bei jedem Herunterrasenden und springen erschrocken zur Seite. Ein Nervenkitzel für alle Beteiligten. Lakata bleibt in permanenter Bremsbereitschaft. Als nach fünf Stunden Fahrzeit schließlich die Schlüsselstelle des Rennens erreicht ist, befinden sich nur noch Sauser und ein verglimmt wirkender Amerikaner an seinem Hinterrad. Es ist die berüchtigte Powerline-Passage. Der wahrscheinlich berühmteste Streckenabschnitt Amerikas. Das fiese, kurvenlose Steilstück, das einst Armstrong zermürbte. Sauser rutscht angeschlagen auf seinem Sattel herum. Lakata schaut ihn an, wie der Wolf das lahmende Reh. Dann tut er, was ein Rad-Profi tun muss.

Es ist Sonntag, der Tag nach dem Rennen. In der Basketball-Halle der Lake County High School verschmelzen wieder hunderte Körper zu einer bunten, bebenden Menschenmasse. Die Abschlusszeremonie. Ken Chlouber wuchtet die riesige Miniatur-Lore mit dem Falschgold in die Arme von Lakata, der unter der Last fast in die Knie geht. Freundlicher Applaus. Die österreichische Nationalhymne wird nicht gespielt.
Es sei ein großer Moment in seiner Karriere, spricht Lakata ins Mikrofon. Nächstes Jahr werde er wiederkommen, um dann auch den Streckenrekord zu knacken. Ein harmloser, nett gemeinter Siegerehrungssatz. Hier in Leadville, in diesem Monument amerikanischen Durchhaltewillens, klingt er fast wie eine Drohung.

Fotos: Henri Lesewitz


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