Das „24 Stunden Rennen“ auf der Nordschleife gilt als größtes Motorsport-Spektakel der Welt. 250 000 Motorsport-Fans zelebrieren eine gigantische Party, während die Teams in der Grünen Hölle tollkühn um Sekunden kämpfen.

Der BMW M3 GT mit der Nummer 1 ist nur noch wenige Schritte entfernt. Jörg Müller drängelt, schiebt, gräbt sich mit beiden Armen durch die Menschenmenge. Doch er kann sein Auto nicht erreichen. Zu stürmisch schwappt der Fan-Ozean gerade über die Startgerade. Das größte Motorsport-Ereignis der Welt ist berühmt für seinen volksnahen Charakter. Der Titelverteidiger klemmt fest in der Begeisterungswoge.

„Mensch, lasst doch mal den Jörg durch!“, ruft jemand in das Gewusel. Woraufhin nun auch noch die Presseleute angedrängelt kommen und Müller den Weg mit ihren Kameras, Mikrofongalgen und Diktiergeräten abschneiden. Die Autogrammjäger halten mit ihren Eddings dagegen. Müller signiert, beantwortet Fragen, schüttelt Hände. Er muss sich zu den Menschen hinbeugen, es ist höllisch laut. Oben dröhnen die TV-Helikopter, am Boden wummern die Notstromaggregate der Reifenwärmer. Der Moment scheint überzukochen, doch Müller lächelt. Er weiß: So ruhig wie jetzt wird es in den nächsten 24 Stunden nicht mehr.

Es ist Samstagnachmittag, kurz nach 15 Uhr. Seit Tagen schon taumelt der Nürburgring zwischen Vorfreude und Remmidemmi. Das 24-Stunden-Rennen auf der Nordschleife zählt zu den legendärsten Events der Motorsport-Szene. Eine Marathon-Prüfung auf der gleichermaßen härtesten wie längsten Rennstrecke der Welt. 25 Kilometer durch die hügelige Eifel. Schikanen, Kuppen, Kompressionen. Ein Monument aus 88 Kurven inmitten einer launischen Wetterzone. Jeder Streckenabschnitt ist zugeschaufelt mit Mythos: Hatzenbach, Adenauer, Forst, Karussell, Schwalbenschwanz, Galgenkopf. Die Nordschleife ist eine Schule der Demut. Der Kosename klingt wie eine Warnung: Grüne Hölle.

210 Autos reihen sich auf der Startgeraden. Ganz vorne, auf der Pole Position, duckt sich der Ferrari F458 Italia GT vom Team Farnbacher über den Asphalt, der mit 8:23 Minuten die schnellste Qualifikationsrunde schaffte. Das BMW Team Schnitzer mit Jörg Müller, Pedro Lamy, Uwe Alzen und Augusto Farfus geht von Position fünf aus ins Rennen. Es ist dieselbe Besetzung, der 2010 der Sensationssieg gelang.
„Der Start ist nicht entscheidend“, sagt Müller, der sich bestens auskennt mit den Tücken eines 24-Stunden-Rennens. Letztes Jahr war das BMW Team Schnitzer unerwartet in Führung gegangen, nachdem gleich mehrere Konkurrenz-Autos schlapp gemacht hatten. Kaum an der Spitze zerbröselte ein Zahnrad im eigenen Getriebe. Dass sie das Auto ins Ziel brachten war einerseits Können. Im Grunde genommen aber pures Glück.

Gerade sieht es wieder nach einer Zitterpartie aus. Zumindest nach einer Pokerrunde. Betongrau und unentschlossen hängt der Himmel über der Strecke. Seit Stunden schon hacken die Team-Ingenieure gestresst auf ihre Laptops ein, mit denen sie im Minuten-Rhythmus die Wetterdaten aktualisieren. Doch ob sich der Wolkenbrei in den nächsten Minuten nass-kalt über der Strecke auskotzt oder gnädig weiterzieht, lässt sich trotz Satellitenvernetzung nur orakeln. Momente wie dieser sind der Albtraum in einer Sportart, in der die Reifenwahl über Sieg und Niederlage entscheidet. Alleine zwischen fünf verschiedenen Trockenmischungen kann das BMW Team Schnitzer entscheiden. Sponsor Dunlop hat 5700 Reifen in die Eifel gekarrt. Denn auch wenn das Rennen 24 Stunden läuft: Am Ende wird in Minuten abgerechnet. Womöglich sogar in Sekunden.

„Raus aus den Zelten, ran an den Zaun, Currywurst in die Ecke!“, heizt der Moderator die 250 000 Zuschauer entlang der Strecke an. Die Grid-Girls stöckeln bereits eilig davon, als das BMW Team Schnitzer noch sekundenschnell auf „geschlitzte Slicks“ wechselt.
„Mutig!“, kommentiert der Moderator. Doch da zerren schon die Fliehkräfte der Hatzenbach-Passage an Müller. Der Duft von Bratwurst durchströmt das Cockpit. Ein Jahr lang hat er auf diesen Augenblick hin trainiert. 60 Kilometer Joggen, jede Woche. Dazu tausende Testrunden im Auto. Es ist das wichtigste Rennen der Saison.

Am Auto sollte es nicht liegen. Der BMW M3 GT ist das Ergebnis von vier Jahren Entwicklungsarbeit. Ein präzise gefertigtes Kraftpaket mit einer aerodynamisch-optimalen Außenhaut aus GFK. 500 Pferdestärken beschleunigen das Auto in 3,42 Sekunden von Null auf Hundert. Schaltwippen am Lenkrad übertragen die Befehle des Fahrers verzögerungsfrei an das sequenzielle Sechs-Gang-Getriebe. Mehr als hundert Sensoren überwachen Aggregate, Luftdrücke, Verbrauch und Elektronik. Die Daten werden den Team-Ingenieuren direkt in die Laptops gefunkt. Siebzig Leute sind im Dauereinsatz, um den BMW M3 GT mit der Startnummer 1 und das baugleiche zweite Team-Fahrzeug mit der Nummer 7 auf Kurs zu halten.
„Wir Fahrer sind moderne Gladiatoren, doch ohne Team wären wir aufgeschmissen“, sagt Dirk Adorf, der mit Dirk Werner und Dirk Müller die Nummer 7 pilotiert und in der Box nervös auf seinen Einsatz wartet. Adorf muss die Worte herausschreien. Das brachiale Sound-Gewitter aus 210 Rennmotoren zerstäubt jeden Hauch von Stille. Das Dröhnen, Summen, Kreischen ist lauter als alles. Fast alles.

Wolfgang Petry ist lauter. „Hölle, Hölle! Hölle!“, hämmert der zum Techno-Kracher verquirlte Schlagerhit durch die Brünnchen-Passage, die in der Stimmungsküche entlang der Leitplanken so etwas wie der Dampfgarer ist. „Nach 22 Uhr würde ich mich da nicht mehr hinein wagen“, grinst der Einlassordner.
Ein Dampfgarer des Wahnsinns. Iglu-Behausungen dicht an dicht. Club-Häuser aus Zeltplanen, behangen mit blinkenden Lichterketten. Aus Brettern genagelte Party-Tempel, in denen Polstermöbel-Landschaften für Gemütlichkeit sorgen und kneipentaugliche Zapfanlagen für stabile Flüssigkeitshaushalte. Der Nebel aus hunderten Holzkohlegrillen raubt den Atem und nimmt die Sicht. „Nürburgring statt Ehering!“, hat jemand an sein Zelt gepinselt. Es ist die blaue Hölle mitten in der grünen. Ein Schmelztiegel aus Party-Treiben, Sportbegeisterung und Wochenendurlaub. Die Nordschleife synchronisiert 24 Stunden lang das Lebensgefühl von Hunderttausenden. Sie ist das Lagerfeuer der Motorsport-Gemeinde.

Die Schlager wummern aus einem weißen Zelt-Pavillon. Es gehört zum baulichen Gesamtkunstwerk der Brünnchen-Freunde, die sich seit 1992 an ihrer Lieblings-Passage einrichten. Drei große Anhänger waren nötig, um die fünf Meter hohe Aussicht-Tribüne von Recklinghausen an den Ring zu schaffen. Dazu das Küchenzelt mit Kühlschrank, Herd und Flachbildschirm. Und natürlich der Disko-Pavillon von „DJ Indy“ samt 6000-Watt-Anlage, Boxentürmen, Trockennebelmaschine und Lichtorgel. Die Menschen vor den Boxen tragen T-Shirts mit dem Aufdruck „Wir sind das Brünnchen“. Die Bewegungen sind federnd und man ist sich nicht sicher, ob sie torkeln oder tanzen. „Der Motorsport ist eine prima Sache, hat für uns nicht oberste Priorität!“, krächzt DJ Indy mit maladen Stimmbändern gegen seinen sechs Kilowatt starken Schlagerkrach an.

Es ist kurz vor 22 Uhr, als BMW Motorsport-Direktor Mario Theissen das Ansteigen von Puls und Blutdruck spürt. Theissen steht in der Team-Box und starrt auf die Monitore, auf denen Rundenzeiten, Zwischenstände und Live-Bilder vom Rennen flimmern. Äußerlich wirkt er ruhig. Doch in ihn ihm drinnen tobt ein Sturm.
Der BMW M3 GT mit der Startnummer 7 ist nach einem Defekt an der Bremsleitung und einstündiger Reparatur von der zweiten Position auf Platz 150 abgerutscht. Kurz darauf hatte sich der in Führung liegende BMW M3 GT mit der Nummer 1 in der biestigen Karussell-Passage um 180 Grad gedreht, nachdem Pilot Pedro Lamy mit einem anderen Fahrzeug aneinander geriet. Lamy musste entgegen die Fahrtrichtung wenden. Weshalb nun auch noch eine Drei-Minuten-Strafe droht. Sie werden vom momentanen achten Platz also noch weiter zurückfallen.
„Noch ist alles drin“, sagt Theissen, den Blick noch immer in die Zahlenreihen auf dem Monitor gedübelt. Er wippt auf seinen Füßen. Dann fügt er hinzu: „Das Rennen geht noch achtzehn Stunden“.

Jörg Müller liegt im Schlafcontainer und lauscht den Bässen der benachbarten Disko. Er ist hellwach. Nicht wegen dem Lärm. Als Kind hat er am liebsten mit offener Tür geschlafen. Müller mag Hintergrundgeräusche. Es ist der Rennverlauf, der ihn kein Auge zumachen lässt. Um 2:05 Uhr tritt er schließlich ins Neonlicht der Team-Box. Früher als nötig.
„Taktik? Ab jetzt Vollgas!“, spricht er in ein Reporter-Mikrofon. Der Dunlop-Ingenieur zieht ihn zur Seite. Was er von einer weicheren Mischung vorne halte, fragt der Reifen-Experte. Müller nickt, während neben ihm der fetischistisch modellierte Kohlefaser-Ferrari von Milliardär James Glickenhaus durch die Boxengesse brüllt. Ein Multi-Millionen-Dollar-Einzelstück, das Glickenhaus nach eigenen Angaben bei Pinifarina in Auftrag gab, um den Fans am Nürburgring eine Freude zu bereiten.

Es ist halb drei Uhr morgens, als das schrille Quieken der Boxengassen-Sirene die Einfahrt des BMW M3 GT mit der Nummer 1 ankündigt. Fahrer Uwe Alzen tritt hart auf die Bremse. Aus dem Fahrzeugboden fahren hydraulische Wagenheber, zwölf Mechaniker sprinten in Position. Eine Verschmelzung unfassbar vieler Mikrovorgänge. Auftanken. Reifenwechsel. Daten auslesen. Scheiben säubern. Bremsscheiben reinigen. Uwe Alzen springt aus dem Auto, Jörg Müller arbeitete sich mit einer gekonnten Drehung in den Schalensitz. Nach zwei Minuten und zwanzig Sekunden spürt Müller die Wucht der 500 PS in seinem Rücken. Zweieinhalb Stunden wird er jetzt die Kilometer unter dem BMW durchhuschen lassen. Die Nacht ist die heikelste Rennphase. Man kann es nicht trainieren. Von wegen grüne Hölle. Die Hölle ist kohlrabenschwarz.

In der Box des BMW Team Schnitzer sinkt Uwe Alzen derweil geschafft auf einen Werkzeugschrank. Der Rennanzug klebt schweißnass am Körper. Das Gesicht ist von Strapazen zerfurcht. Alzen sieht fertig aus wie ein Marathon-Läufer.
„Die ganze Zeit Unfälle da draußen! Wahnsinn. Da kann jederzeit alles passieren!“, spricht er geladen in die Reporter-Mikrofone: „Aber unser Auto ist der Hammer!“ Alzen schimpft. Alzen schwärmt. Er kann sich für keine Stimmungslage entscheiden. Man merkt: Dies sind die Augenblicke, für die er lebt. Rennfahrer-Augenblicke. Emotionale Opulenz.

Die Sonne glüht erbarmungslos auf die Eifel, als am Sonntagnachmittag die Zielflagge geschwenkt wird. Der BMW M3 GT mit der Nummer 1 rauscht auf Platz zwei über die Ziellinie. Viereinhalb Minuten Rückstand – nach 3900 Kilometern. Die Nummer 7 hat sich immerhin auf Platz 16 vorgearbeitet. Die Flut der Fans schwappt zurück in die Boxengasse. Jörg Müller stemmt die Jubelfaust in die Luft. Zu mehr kommt er nicht. Er klemmt schon wieder fest in der Begeisterungswoge.

Fotos: Henri Lesewitz


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